Wie stark wird die Insolvenzwelle 2027 in Deutschland sein?
Seit dem Jahr 2022 steigen die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland jedes Jahr zweistellig. Ob daraus eine „Insolvenzwelle 2027" wird, ist fachlich umstritten – die Risiken für Geschäftsführer sind es nicht.

Was sagen die aktuellen Insolvenzzahlen über den anhaltenden Trend aus?
Die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland stiegen 2023 um 22,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2024 folgte ein weiterer Anstieg um 22,4 Prozent, und 2025 kletterten die Fallzahlen nochmals um 10,3 Prozent auf 24 064 Fälle, so die amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Zum Vergleich: 2021 lagen die Unternehmensinsolvenzen noch bei 13 993 Fällen. Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl damit fast verdoppelt.
Dieser Aufwärtstrend ist kein statistisches Rauschen. Er läuft seit August 2022 ununterbrochen und wird von Creditreform sowie dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) unabhängig voneinander bestätigt. Creditreform registrierte im ersten Halbjahr 2024 rund 11 000 Unternehmensinsolvenzen, den höchsten Stand seit fast zehn Jahren. Das entspricht einem Anstieg von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Was zeigen die Frühindikator-Daten, die die Jahresstatistik noch nicht erfasst?
Destatis erfasst Regelinsolvenzen erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts. Der tatsächliche Antragseingang liegt im Schnitt drei Monate früher. Was die Statistik heute zeigt, spiegelt also die Lage von vor einem Quartal wider.
Für Juni 2026 meldete Destatis 2 266 beantragte Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat Juni 2025. Dieser Wert belegt, dass der Aufwärtstrend bis mindestens Mitte 2026 anhält. Wer die Frühindikator-Daten regelmäßig verfolgt, sieht Entwicklungen früher als die Jahresstatistik sie ausweist.
Welche Branchen tragen die höchste Insolvenzhäufigkeit?
Die absolute Fallzahl und die branchenspezifische Häufigkeit erzählen unterschiedliche Geschichten. Das Baugewerbe führt seit Jahren bei den absoluten Zahlen: Von Januar bis September 2022 wurden dort 1 970 Unternehmensinsolvenzen registriert, 8,2 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum (Destatis). Gemessen an der Insolvenzhäufigkeit je 10 000 Unternehmen sah das Bild im April 2023 anders aus.
Destatis wies für diesen Monat im Bereich Verkehr und Lagerei zehn Insolvenzen je 10 000 Unternehmen aus, bei sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, etwa Zeitarbeitsfirmen, waren es acht. Der Durchschnitt über alle Branchen lag bei vier. Creditreform ergänzt, dass im ersten Halbjahr 2024 in allen vier Hauptwirtschaftsbereichen zweistellige Zuwachsraten verzeichnet wurden. Das Insolvenzgeschehen ist damit kein sektorales Randproblem mehr.
Ist eine Insolvenzwelle 2027 fachlich belegt oder ein Medienbegriff?
Das IWH hat das Jahr 2023 trotz steigender Zahlen ausdrücklich als „Normalisierung statt Insolvenzwelle“ eingestuft. Die Begründung: Bis Oktober 2023 übertraf die Insolvenzzahl das langjährige Mittel der Jahre 2016 bis 2019 nur um rund 10 Prozent. Eine Welle setzt aus Sicht der IWH-Forscher voraus, dass die Fallzahlen klar und dauerhaft über historischen Normalwerten liegen.
Weder Destatis noch die Deutsche Bundesbank, der Sachverständigenrat, Allianz Trade, Creditreform oder das IWH verwenden den Begriff „Insolvenzwelle 2027″ in Verbindung mit einer quantifizierten Prognose für Deutschland. Das ist keine Entwarnung. Es ist eine Präzisierung: Die Risiken sind real und messbar, aber der Begriff ist ein publizistisches Schlagwort, kein Fachbegriff mit definiertem Schwellenwert.
Wie ordnet das IWH die aktuellen Rekordwerte historisch ein?
Ein Rekord-Oktober im IWH-Insolvenztrend lag 66 Prozent über dem Durchschnittswert der Jahre 2016 bis 2019. Zuletzt im Jahr 2004 wurden in einem Oktober mehr Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften registriert. Das IWH berichtet zudem, dass in den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen knapp 11 000 Arbeitsplätze betroffen waren, rund 30 Prozent mehr als im Durchschnitt eines typischen Oktobers der Vor-Corona-Jahre.
Besonders auffällig ist der Trend zu größeren Insolvenzen. Die Zahl der betroffenen Jobs in den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen liegt nach IWH-Angaben rund ein Drittel über dem Vor-Corona-Mittel der Jahre 2016 bis 2019. Exemplarisch nennt das IWH eine Reihe größerer Krankenhausinsolvenzen mit hoher Beschäftigtenzahl. Mehr Fälle und größere Fälle gleichzeitig: Das ist die eigentliche Qualität der aktuellen Entwicklung.
Was prognostizieren Bundesbank und Sachverständigenrat für die Wirtschaft bis 2027?
Die Deutsche Bundesbank erwartet in ihrer Prognose „Energiepreisschock treibt Teuerung an und bremst Konjunktur“ ein kalenderbereinigtes BIP-Wachstum von 0,5 Prozent im Jahr 2026 und 0,8 Prozent im Jahr 2027. Beide Werte liegen unter den Schätzungen aus der Dezember-2025-Prognose, die für 2027 noch 1,3 Prozent kalenderbereinigt ausgewiesen hatte. Die Revision ist spürbar.
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung kommt im Frühjahrsgutachten 2026 zu ähnlichen Zahlen: BIP-Wachstum von 0,5 Prozent im Jahr 2026 und 0,8 Prozent im Jahr 2027, ebenfalls nach unten revidiert gegenüber dem Jahresgutachten 2025 um 0,4 Prozentpunkte. Als Hauptgrund nennt der Rat den Iran-Krieg und die damit verbundenen Energiepreisschocks. Die Verbraucherpreisinflation soll im Jahr 2026 bei 3,0 Prozent und im Jahr 2027 bei 2,8 Prozent liegen; der Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz wird für das Jahr 2026 mit 42,3 Prozent ausgewiesen.
Welche globalen Insolvenztrends erwartet Allianz Trade bis 2027?
Im „Global Insolvency Outlook 2026-27″ rechnet Allianz Trade mit einem globalen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 6 Prozent im Jahr 2025 und weiteren 5 Prozent im Jahr 2026. Erst im Jahr 2027 erwartet Allianz Trade einen leichten Rückgang um 1 Prozent. Das reicht nicht aus, um die Lage zu entspannen: Die weltweite Zahl der Firmenpleiten soll damit 24 Prozent über dem Vorkrisenmittel liegen.
Deutschland wird im vorliegenden Auszug des Allianz-Berichts nicht als gesonderter Hotspot ausgewiesen. Als Haupttreiber des globalen Zuwachses im Jahr 2026 nennt Allianz Trade die USA mit einem erwarteten Anstieg von 8 Prozent und China mit 10 Prozent. Für exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland bedeutet das: Ausländische Kundschaft und Lieferketten geraten unter Druck, bevor die inländische Statistik reagiert.
Welche Risikofaktoren treiben das Insolvenzgeschehen in Deutschland an?
Bundesbank und Sachverständigenrat nennen übereinstimmend den durch den Iran-Krieg ausgelösten Energiepreisschock als zentralen Belastungsfaktor. Er treibt die Inflation nach oben und bremst gleichzeitig die Konjunkturerholung. Für Unternehmen heißt das: höhere Betriebskosten bei gleichzeitig schwächerer Nachfrage.
Hinzu kommen strukturelle Belastungen, die die Cashflows dauerhaft unter Druck setzen. Der Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz von 42,3 Prozent im Jahr 2026 erhöht die Personalkosten. Die Kerninflation liegt nach Sachverständigenrat-Prognose im Jahr 2026 bei 2,4 Prozent und steigt im Jahr 2027 auf 2,9 Prozent, was die realen Margen weiter komprimiert. Schwache Exportnachfrage, bedingt durch ein globales BIP-Wachstum von lediglich 2,3 Prozent in den Jahren 2026 und 2027, verschärft die Lage für viele mittelständische Unternehmen zusätzlich.
Warum sind größere Unternehmen zunehmend betroffen?
Das IWH dokumentiert einen langfristigen Trend zu größeren Insolvenzen, der sich in den aktuellen Zahlen klar niederschlägt. Personen- und Kapitalgesellschaften stehen für rund 90 Prozent der Arbeitsplätze und 95 Prozent der Forderungen in Insolvenzverfahren. Wenn diese Unternehmen häufiger und in größerem Maßstab insolvent werden, steigen Beschäftigtenbetroffenheit und Forderungsvolumina überproportional.
Creditreform beziffert die Zahl der betroffenen Beschäftigten im ersten Halbjahr 2024 auf rund 133 000, gegenüber 125 000 im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Anstieg von rund 6 Prozent bei den betroffenen Arbeitsplätzen, obwohl die Fallzahl um fast 30 Prozent stieg. Viele der neuen Insolvenzfälle sind also kleiner, aber die großen Fälle werden größer. Für Gläubiger und Geschäftspartner ist das die relevantere Größe.
Welche Frühwarnsignale sollten Geschäftsführer jetzt beobachten?
Insolvenzen kündigen sich selten über Nacht an. In der Praxis zeigen sich die ersten Risse meist Monate vor dem Antrag, häufig in der Liquiditätsplanung und in veränderten Zahlungsmustern. Wer diese Signale frühzeitig liest, hat noch Handlungsspielraum. Wer wartet, bis Gläubiger Druck machen, verliert die Kontrolle über den Prozess.
Besonders gefährlich ist die Kombination aus stabilen Umsätzen und schrumpfenden Cashflows. Sie verleitet dazu, die eigene Lage besser einzuschätzen als sie ist. Für Geschäftsführer lohnt es sich, die folgenden Warnsignale systematisch zu beobachten:
- Anhaltend negative operative Cashflows trotz stabiler oder wachsender Umsätze
- Steigende Zahlungsziele gegenüber Lieferanten, die als informeller Liquiditätspuffer genutzt werden
- Wachsende Forderungsausfälle bei Kunden aus insolvenzgefährdeten Branchen wie Baugewerbe, Verkehr und Lagerei oder Zeitarbeit
- Kreditlinien, die regelmäßig vollständig ausgeschöpft werden
- Rückgang der Eigenkapitalquote bei gleichzeitig steigenden Energiekosten
Wann ist der Zeitpunkt für eine Restrukturierung noch günstig?
Frühzeitige Sanierung außerhalb des Insolvenzverfahrens erhält deutlich mehr Handlungsspielraum. Instrumente wie das Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG) stehen nur zur Verfügung, solange noch keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt. Ist diese eingetreten, verengen sich die Optionen erheblich. Eine professionelle Insolvenzberatung klärt frühzeitig, welche Wege noch offenstehen und ob ein Antrag tatsächlich unausweichlich ist.
Das ist keine theoretische Überlegung. Unternehmen, die erst auf Druck von Gläubigerseite reagieren, haben in der Regel weniger Verhandlungsmasse und erzielen schlechtere Ergebnisse als solche, die den Prozess aktiv anstoßen. Frühzeitiger Beratungsbedarf ist kein Eingeständnis einer Schwäche, sondern kaufmännische Vernunft.

Diesen Beitrag hat Dr. Volker Furch inhaltlich und fachlich geprüft. Rechtsgrundlagen, Zahlen und Beispiele sind sauber aufgearbeitet und mit den zugrunde liegenden Quellen abgeglichen. Unsere redaktionellen Richtlinien
Häufige Fragen
Wie stark wird die Insolvenzentwicklung im Jahr 2026 in Deutschland sein?
Eine quantifizierte Prognose für die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2026 hat keine der maßgeblichen Institutionen veröffentlicht. Die verfügbaren Daten zeigen jedoch, dass der Aufwärtstrend anhält: Für Juni 2026 meldete Destatis 2 266 beantragte Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat (Destatis). Allianz Trade erwartet global einen weiteren Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 5 Prozent im Jahr 2026, bevor im Jahr 2027 ein leichter Rückgang von 1 Prozent folgt.
Wie sieht die deutsche Wirtschaft im Jahr 2027 aus?
Bundesbank und Sachverständigenrat erwarten für das Jahr 2027 ein kalenderbereinigtes BIP-Wachstum von 0,8 Prozent. Die Verbraucherpreisinflation soll bei 2,8 Prozent liegen, die Kerninflation bei 2,9 Prozent. Das Bild ist eines moderater Erholung unter anhaltenden Kostenbelastungen durch Energiepreise und hohe Sozialversicherungsbeiträge. Beide Institutionen haben ihre Wachstumsprognosen für das Jahr 2027 gegenüber früheren Schätzungen spürbar nach unten revidiert, wesentlich aufgrund der Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die Energiepreise.
Wird sich die deutsche Wirtschaft im Jahr 2027 erholen?
Eine Erholung ist nach den vorliegenden Prognosen möglich, aber verhalten. Die Bundesbank geht davon aus, dass das gesamtwirtschaftliche Expansionstempo sich von Jahr zu Jahr verstärkt und im Jahr 2028 ein kalenderbereinigtes Wachstum von 1,4 Prozent erreicht wird. Für das Jahr 2027 selbst bleibt das Wachstum mit 0,8 Prozent kalenderbereinigt auf einem niedrigen Niveau. Sinkende Energiepreise und eine anziehende Weltwirtschaft werden als stützende Faktoren genannt, deren Wirkung aber durch geopolitische Risiken begrenzt wird.
Gibt es derzeit eine Insolvenzwelle in Deutschland?
Das IWH hat für das Jahr 2023 ausdrücklich festgestellt, dass die Insolvenzzahlen das langjährige Mittel der Jahre 2016 bis 2019 bis Oktober nur um rund 10 Prozent übertroffen haben, und spricht daher eher von einer Normalisierung als von einer Insolvenzwelle. Gleichzeitig lagen die Werte in einem Rekord-Oktober des IWH-Insolvenztrends 66 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Der Begriff „Insolvenzwelle“ ist kein gesetzlich oder statistisch definierter Terminus. Was sich mit Sicherheit sagen lässt: Die Unternehmensinsolvenzen steigen seit 2022 kontinuierlich, erreichen in einzelnen Monaten historische Höchststände seit dem Jahr 2004 und betreffen zunehmend auch größere Unternehmen mit vielen Beschäftigten.
